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Forschungsprogramm

 

Die Gattungstheorie der Lyrik kann im Vergleich mit der Narratologie oder der Dramen- beziehungsweise Theatertheorie derzeit als ein Randbereich literatur- und gattungstheoretischer Forschung angesehen werden: Zwar mangelt es in der Geschichte der Lyriktheorie und in der Gattungsgeschichte der Lyrik nicht an Vorschlägen, wie eine allgemeine Theorie der Lyrik zu entwerfen sei  - seien dies nun Vorschläge, die sich grob einem form-, pakt-, sprach- oder systemtheoretischen Typ von Lyriktheorie zuordnen lassen. Von einer umfassenden und systematischen Erschließung der Gattung Lyrik unter begrifflichen, methodischen und historischen Gesichtspunkten kann allerdings in der allgemeinen Literaturwissenschaft keine Rede sein: Weder gibt es einen allgemeinen Konsens über den vorauszusetzenden Lyrikbegriff oder die Grenzen des Gesamtkorpus lyrischer Gebilde, noch sind zentrale Fragen zu Methoden der Lyrikinterpretation, zu geeigneten Kommunikationsmodellen, der kulturellen und historischen Varianz der Gattung u.v.a.m. abschließend, umfassend oder zumindest umfänglich diskutiert worden.

 

Dass und warum es sinnvoll ist, Lyrik als eigenständige, systematisch bestimmbare Gattung aufzufassen, zu dieser Frage gibt es in der allgemeinen Literaturwissenschaft wie auch in den Einzelphilologien bisher zwar einzelne Vorschläge. Von einer breiten Fachdiskussion kann allerdings nicht die Rede sein. Dies überrascht umso mehr, als sich hinter diesem Problem eine grundlegende Unsicherheit des Fachs im Umgang mit einer der drei traditionell viel beachteten Großgattungen abzeichnet: Während die literaturwissenschaftliche Praxis der Lyrikinterpretation und der Lyrikgeschichtsschreibung als sehr vital angesehen werden kann und einzelne Lyrikinterpretationen mitunter gar als Meisterstücke und als Beleg für die gelingende Praxis des Fachs gehandelt werden, werden die begrifflichen und methodischen Voraussetzungen dieser Praxis vergleichsweise selten diskutiert.

 

Seit einigen Jahren erscheinen nun wieder vermehrt Forschungsbeiträge, die sich in den Kontext einer allgemeinen Lyriktheorie einfügen. Diese sind dem Ziel verpflichtet, die Gattung Lyrik begrifflich, systematisch und historisch klarer zu profilieren und damit eine Lyrikforschung zu begründen, die begrifflichen und methodischen Standards, wie sie zum Beispiel in der Narratologie gesetzt wurden, entsprechen. Einer solchen ,Lyrikologie' werden in Analogie zur Narratologie hier alle Forschungsbeiträge zugerechnet, die der gattungssystematischen Erfassung von Lyrik verpflichtet sind. Diese Forschungsinteressen in verschiedenen lyrikologischen Arbeitsfeldern über die Einzeldisziplinen hinweg zu bündeln und auf diese Weise zu einer klaren Konturierung des Forschungsfeldes Lyrikologie beizutragen, ist das Ziel des Netzwerks. Die Ergebnisse der Netzwerkarbeit sollen erstens dazu dienen, bestehende Lyrikbegriffe kritisch zu überprüfen und Vorschläge für einen fruchtbaren und kulturhistorisch differenzierbaren allgemeinen Lyrikbegriff vorzulegen sowie nach den daraus sich ergebenden methodischen Konsequenzen zu fragen. Zweitens sollen vereinzelte Forschungsarbeiten zu lyrikologisch bedeutsamen Themenfeldern wie den Sprechinstanzen in lyrischen Gebilden, gattungstypischen Funktionen, der generischen Raum- und Zeitgestaltung oder der Relevanz der Sprachformatierung für die Lyrikanalyse zusammengeführt und als Arbeitsgebiete der Lyrikologie deutlicher profiliert werden, indem hier relevante Forschungsfragen klarer als bisher benannt und Vorschläge zu deren Beantwortung erarbeitet werden.

 

Dem Anliegen der geplanten Netzwerkarbeit gemäß, einen zentralen Beitrag zur Konturierung des Arbeitsfeldes ,Lyrikologie' zu leisten, sind insgesamt sechs Arbeitstreffen geplant. Jedes Arbeitstreffen des Netzwerks steht unter einem bestimmten Rahmenthema. Geplant sind Workshops zu folgenden Themen, die zugleich als zentrale Arbeitsgebiete einer zukünftigen Lyrikologie aufzufassen sind:

 

  • Typisch lyrisch? (Wuppertal)

  • Funktionen der Lyrik (Jena)

  • Lyrische Zeitkonzepte (Wuppertal)

  • Formatierungsweisen von Lyrik (Jena)

  • Methoden der Lyrikanalyse (Freiburg, Schweiz)

  • Lyrik und Raum (Jena)

 

Die Workshops werden halbjährlich abwechselnd in Jena und Wuppertal stattfinden. Ein Workshop wird in der Schweiz, an der Universität Freiburg ausgerichtet. Zu jedem Workshop werden je zwei Gäste aus verschiedenen literaturwissenschaftlichen Fächern bzw. aus der Kunstphilosophie geladen, die zum Thema des Workshops einschlägige Forschungsbeiträge vorgelegt haben und mit Keynotevorträgen weitere Forschungsanregungen und Expertise in die Arbeitsgruppe einbringen. Abgesehen von diesen Keynotevorträgen sollen die Stellungnahmen der Netzwerkmitglieder zu dem gewählten Rahmenthema nicht in Form von Vorträgen bekannt gemacht werden, sondern durch vorab an alle Netzwerkmitglieder und Gäste verschickte Arbeitspapiere. Deren zentrale Thesen werden nach einer kurzen, fünfminütigen Einführung durch den Verfasser in einer halb- bis dreiviertelstündigen Diskussion vom Plenum konstruktiv-kritisch kommentiert und anhand dieser Kommentare im Nachgang des Workshops überarbeitet. Diese Arbeitsweise verspricht einerseits gehaltvolle Diskussionen, die durch die intensive Vorbereitung auf die Einzelbeiträge durch die Bekanntmachung vorab ermöglicht werden; andererseits ist damit nach dem Workshop eine bessere Verzahnung der Einzelbeiträge für die Publikation möglich, da die Arbeitspapiere untereinander geteilt werden, sodass die Einzelbeiträge sich unmittelbar aufeinander beziehen können.